Bedeutung
Die Lilien tragen ein einfaches Wort: die Reife. Nicht Reife als sittliche Eigenschaft, die zu erringen wäre, sondern der Tatbestand einer Sache, die lange genug gedauert hat, um sich zu setzen. Die Karte 30 des Petit Lenormand sagt nicht, dass eine Lage gut ist, sie sagt, dass sie das Stadium der Unruhe hinter sich hat.
Das Lenormand ist wörtlich: eine Karte ist keine Gestalt zum Nachsinnen, sie ist ein Wort in einem Satz. Das Wort der Lilien heißt “reif”. Es gilt für eine Bindung ebenso wie für ein Vorhaben, für eine Gesundheit ebenso wie für eine Person.
Zwei Lesarten bestehen nebeneinander, und der Zusammenhang der Frage entscheidet. Die erste beschreibt einen Zustand: Gelassenheit, Beruhigung, eine Ruhe, die trägt, ohne dass man sie halten müsste. Die zweite bezeichnet jemanden: eine erfahrene Gestalt, eine Person in reifem Alter, in der deutschen Überlieferung häufig männlich, was die Entsprechung zur Spielkarte bestätigt.
Auf den Spielen der Dondorf-Linie um 1890 zeigt die Karte weiße Lilien, eine Blume, die sich langsam öffnet und lange braucht, bis sie welkt. Das Bild sagt den Rhythmus besser, als das Wort es könnte: hier überstürzt sich nichts.
Es ist damit ebenso sehr eine Karte des Tempos wie des Inhalts. Bei einer Frage nach der Frist neigen die Lilien zur langen Sicht, nie zum Unmittelbaren. Wo der Reiter drängt, dehnen sie aus.
Eine Nuance gehört ausgesprochen, sonst wird die Karte zu weich. Was reif ist, bewegt sich kaum noch. Die Lilien können eine Lage benennen, die beruhigt ist, weil sie geregelt wurde, aber auch eine, die sich nicht mehr rührt, weil bereits alles an seinem Platz steht. Der Unterschied steht nicht auf der einzelnen Karte, er steht auf ihrer Nachbarkarte.
Das ist die allgemeine Regel des Spiels, und sie gilt hier mehr als anderswo: eine einzelne Karte gibt ein Wort, keine Deutung. Die Lilien allein sagen weder, ob diese Reife gewählt wurde, noch ob sie bequem ist.
Spielkarte und traditionelle Deutung
Die Lilien tragen das Spielkartenbild des Pik König. Diese Entsprechung stammt aus dem 36-blättrigen Pikettspiel, das dem Petit Lenormand ursprünglich beilag. Sie ist durch die kanonische Tabelle des Moduls festgelegt und wird nie aus dem Namen der Karte abgeleitet.
In der deutschen Schule bringt die Farbe Pik Ernst und Gewicht: was Dichte hat, was sich nicht an einem Tag regeln lässt. Sie macht die Lilien nicht negativ, sie macht sie gewichtig. Der Rang des Königs fügt die Gestalt hinzu, eine etablierte Person, deren Stellung nicht mehr zur Debatte steht.
Manche moderne Ausgaben drucken dieses Bild nicht mehr ab und ersetzen es durch einen Vierzeiler oder lassen es ganz weg. Für die Deutung bleibt die Entsprechung gültig, sie fehlt lediglich im Motiv.
Wichtige Kombinationen
Die Grammatik des Lenormand liegt fest: die erste Karte ist das Substantiv, die zweite das Attribut. Die Lilien gefolgt vom Haus bezeichnen ein Zuhause, das zur Reife gelangt ist; das Haus gefolgt von den Lilien bezeichnet eine Reife, die die Familie betrifft. Die beiden Paare sagen nicht dasselbe.
| Kombination | Deutung |
|---|---|
| Die Lilien + Das Herz | Eine reife Liebe, ein beruhigtes Gefühl |
| Die Lilien + Das Haus | Ein gelassenes Zuhause, eine gefestigte Familie |
| Die Lilien + Der Baum | Eine stabile Gesundheit, eine ruhige Vitalität |
| Die Lilien + Der Herr | Ein Mann in reifem Alter, eine väterliche Gestalt |
| Die Lilien + Der Anker | Eine dauerhafte Gelassenheit, ein eingekehrter Frieden |
Die vollständige Mechanik der Paare beschreibt die Seite zur Deutung nach Kombinationen.
Stellung in der Großen Tafel
In einer Großen Tafel trägt jeder Platz den Sinn der Karte, deren Nummer er hat. Die Position 30 ist das Haus der Lilien: die Reife, das, was sich beruhigt.
Die Karte, die dort liegt, zeigt, was in der Lage zu seinem ruhigen Abschluss gekommen ist oder was noch Zeit braucht, bis es sich setzt. Der Anker im Haus der Lilien verstärkt den Gedanken der Dauer, die Mäuse schwächen ihn ab: etwas Reifes nutzt sich langsam ab.
Die Tafel der sechsunddreißig Häuser und die drei Tafelformate stehen auf der Seite zur Großen Tafel.
Schlüsselwörter
| Register | Wörter |
|---|---|
| Kernbedeutung | Was Zeit zum Reifen hatte |
| Zustand | Reife, Gelassenheit, Beruhigung, eingekehrter Frieden |
| Person | Ältere Gestalt, Erfahrung, erworbene Klugheit |
| Rhythmus | Lange Sicht, langsam, stabil, ohne Dringlichkeit |