Die Dreierlegung im Petit Lenormand

Drei Karten nebeneinander, von links nach rechts gedeutet wie ein Satz. Die Dreierlegung ist das Einstiegsformat des Petit Lenormand: die mittlere Karte trägt den Kern der Antwort, die beiden anderen verändern ihn. Sie ist die kleinste vollständige Sinneinheit des Spiels.

Das kleinste Format des Petit Lenormand

Die Dreierlegung ist die erste Legung, die man im Petit Lenormand lernt. Die deutsche Tradition nennt sie Dreierlegung, das Legen von dreien. Drei benachbarte Karten, auf gleicher Höhe, von links nach rechts gedeutet, wie man einen Satz liest.

Das ist keine Bequemlichkeit. Es ist die kleinste Legung, die in diesem Spiel einen Sinn ergibt, und der Grund liegt in der Natur des Lenormand selbst. Eine Karte ist hier kein Symbol zum Betrachten: sie ist ein Wort, ein Substantiv, ein Verb oder ein Adjektiv. Eine einzelne Karte liefert einen Wörterbucheintrag, keine Antwort. Der Reiter sagt, dass etwas eintrifft, ohne zu sagen was oder in welchem Bereich. Es braucht seine Nachbarkarte, damit der Satz überhaupt entsteht.

Das ist ein struktureller Unterschied zu den anderen Systemen dieses Grimoires. Eine einzeln gezogene Rune lässt sich deuten, eine einzeln gezogene Tarotkarte lässt sich deuten. Eine einzeln gezogene Lenormandkarte lässt sich nicht deuten, sie lässt sich nur aussprechen. Die Legung mit einer Karte, anderswo verbreitet, hat hier also wenig Sinn, und die Dreierlegung wird zum eigentlichen Einstieg. Drei Karten genügen auch deshalb, weil diese Zahl ungerade ist: es gibt eine Mitte, und diese Mitte ändert alles.

Die drei Positionen

 VERGANGENHEIT  GEGENWART     ZUKUNFT
  +---------+  +---------+  +---------+
  |         |  |         |  |         |
  |   (1)   |  |   (2)   |  |   (3)   |
  |         |  |         |  |         |
  +---------+  +---------+  +---------+
   Ursprung       Kern        Ausgang

  <------------- Deutung ------------->
         von links nach rechts

Position 1, links: die Vergangenheit, der Ursprung. Woher die Lage kommt, was sie ausgelöst hat, was bereits entschieden ist. Sie bestimmt die Mittelkarte von vorn her näher: sie erklärt, warum die Gegenwart so ist, wie sie ist.

Position 2, in der Mitte: die Gegenwart, der Kern der Sache. Der aktuelle Stand der Frage, der zentrale Sachverhalt. Das ist die Kernkarte. Die Antwort liegt zuerst in ihr, die beiden anderen justieren sie.

Position 3, rechts: die Zukunft, der Ausgang. Wohin es geht, wenn die beobachtete Bewegung anhält. Sie bestimmt die Mittelkarte von hinten her näher: sie sagt, worauf die Gegenwart zuläuft. Das ist kein Urteilsspruch, das ist eine festgestellte Richtung.

Die Legereihenfolge folgt der Leserichtung: erste gezogene Karte nach links, zweite in die Mitte, dritte nach rechts. Manche legen zuerst die Mitte und rahmen sie dann ein, um körperlich sichtbar zu machen, dass die Mitte der Kern ist. Der Handgriff ändert sich, das Ergebnis der Deutung bleibt gleich.

Die Mechanik aus Substantiv plus näherer Bestimmung

Das Lenormand arbeitet in Paaren, und die Grammatik liegt fest: die erste Karte ist das Substantiv, also die Person, der Ort, die Sache oder die Handlung, und die zweite ist die nähere Bestimmung, das Adjektiv, die Bedingung oder die Richtung. Beide verschmelzen zu einem einzigen Ausdruck, nie zu zwei nebeneinandergestellten Bemerkungen.

In einer Dreierlegung greift diese Mechanik zweimal:

PaarRolle
Karte 1 + Karte 2Die erste benennt, die mittlere bestimmt näher. Das ist die Diagnose.
Karte 2 + Karte 3Die mittlere benennt, die dritte bestimmt näher. Das ist die Bewegungsrichtung.

Die mittlere Karte ist also zugleich nähere Bestimmung der ersten und Substantiv der dritten. Genau dieser doppelte Status macht sie zum Angelpunkt.

Die Reihenfolge zählt, immer. Der Fuchs gefolgt von dem Brief bezeichnet ein täuschendes Schreiben, ein Schriftstück, dem zu misstrauen ist. Der Brief gefolgt vom Fuchs bezeichnet eine Nachricht, die die Arbeit betrifft. Das sind nicht zwei Tönungen derselben Idee, das sind zwei verschiedene Sätze. Die vollständige Mechanik der Paare ist auf der Seite Deutung in Kombinationen ausgeführt.

Die Deutung in fünf Schritten

  1. Die drei Karten benennen, ohne sie zu deuten. Man spricht die drei rohen Wörter der Reihe nach aus. In diesem Schritt legt man das Vokabular fest, man baut noch nichts.
  2. Das vordere Paar deuten. Karte 2 als Subjekt, Karte 1 als Beitrag. Das ist die Diagnose: woher kommt, was hier spielt.
  3. Das hintere Paar deuten. Wieder Karte 2 als Subjekt, Karte 3 als nähere Bestimmung. Das ist die Bewegungsrichtung.
  4. Zu einem einzigen Satz verschmelzen. Das ist der Schritt, der eine Lenormand-Deutung von einem Kartenkommentar unterscheidet. Man stellt nicht drei Bemerkungen nebeneinander, man erzeugt einen einzigen deutschen Satz, der die drei Wörter enthält. Bildet sich der Satz nicht, ist die Deutung nicht fertig.
  5. Gegen die Frage prüfen. Antwortet der gewonnene Satz nicht auf das, was gefragt wurde, biegt man den Sinn der Karten nicht zurecht. Man formuliert die Frage neu und legt später erneut.

Qualitätsprobe: eine gute Antwort fasst sich in zwanzig bis dreißig Wörtern, ohne weiche Anschlüsse wie „und dann” oder „im Übrigen”. Sobald ein Bild nötig wird, hat man die Deutungsweise dieses Spiels verlassen.

Beispiel 1: eine laufende Bewerbung

Gestellte Frage: „Wie steht es um diese Bewerbung?”

Gezogene Karten, von links nach rechts: Das Kind (13), Der Fuchs (14), Der Schlüssel (33).

Methodische Bemerkung: die Mitte ist der Fuchs, also ist die Frage beruflich und nicht zwischenmenschlich. Wäre die Mitte das Herz gewesen, hätte dasselbe hintere Paar von etwas anderem gesprochen. Die Mitte legt das Register fest, die Nachbarn färben es nur ein.

Beispiel 2: eine angespannte Beziehung

Gestellte Frage: „Wie entwickelt sich diese Beziehung?”

Gezogene Karten, von links nach rechts: Die Wolken (6), Das Herz (24), Die Sense (10).

Was diese Reihe nicht sagt: sie verspricht keinen Bruch. Sie benennt eine Bewegungsrichtung, die, welche die gegenwärtige Dynamik zeichnet, wenn sich nichts bewegt. Die Sense benennt das Schneidende, nicht den Zeitpunkt. Das ist die beständige Haltung dieses Spiels: die Karten bezeichnen, sie legen sich nicht fest.

Drei Deutungsraster, vor dem Mischen zu wählen

Das oben beschriebene zeitliche Raster ist nicht das einzige. Zwei weitere sind in Gebrauch, und sie geben auf dieselbe Legung nicht dieselbe Antwort. Man muss sich also vor dem Mischen entscheiden.

RasterPosition 1Position 2Position 3
ZeitlichVergangenheit, UrsprungGegenwart, KernZukunft, Ausgang
UrsächlichDie Lage, wie sie istDie entscheidende Handlung oder der entscheidende FaktorDas Ergebnis dieser Handlung
Ohne PositionenDrei Wörter eines einzigen Satzes, ohne zugewiesene Rolle

Das ursächliche Raster greift besser, wenn die Frage eine Entscheidung betrifft. Das dritte, nah an der strengen deutschen Schule, weist den Positionen keinerlei Sinn zu: die drei Karten bilden einen Satz, und die Frage gibt den Rahmen. Es ist mit der Grammatik des Spiels am stimmigsten, denn die Wörter eines Satzes haben keinen Positionssinn, nur eine Reihenfolge.

Dieselbe Mechanik lässt sich auf Reihen von 5, 7 oder 9 Karten ausdehnen, sofern die Zahl ungerade bleibt, damit eine Mitte erhalten bleibt. Die Neunerreihe ist ein Sonderfall: auf drei Ränge gefaltet wird sie zur Kleinen Tafel 3x3.

Welche Fragen sich eignen

Das Lenormand beschreibt Tatsachen, Personen, Orte und Handlungen. Es ist wörtlich. Es funktionieren konkrete Fragen: „was geschieht mit diesem Vorgang”, „wie entwickelt sich meine Beziehung zu dieser Person”. Schlecht funktionieren rein nach innen gerichtete Fragen, die ein dem Spiel fremdes Vokabular verlangen. Ebenso gilt: ein Thema je Legung, denn die Dreierlegung verträgt keine zwei ineinander verschachtelten Fragen.

Wenn die Frage ein Kräfteverhältnis betrifft, ist die Kreuzlegung das passende Format. Der allgemeine Rahmen des Spiels und seine Referenzschule stehen auf der Mutterseite des Moduls, das Petit Lenormand und seine 36 Karten.

Verwandte Karten

FAQ

Warum zieht man im Petit Lenormand nicht nur eine Karte?

Weil eine isolierte Karte nur ein Wort gibt, keine Deutung. Der Reiter sagt, dass etwas eintrifft, er sagt weder was noch in welchem Bereich. Der Sinn entsteht aus der Verbindung der Nachbarkarten, also ist das kleinste brauchbare Format die Dreierlegung. Das ist ein deutlicher Unterschied zu Runen oder Tarot, wo ein einzelnes Stück für sich gedeutet werden kann.

Welche Karte zählt in einer Dreierlegung am meisten?

Die mittlere Karte. Sie ist zugleich nähere Bestimmung der ersten und Substantiv der dritten, dieser doppelte Status macht sie zum Angelpunkt der Legung. Wenn nur eine Karte im Gedächtnis bleiben soll, dann diese. Die beiden anderen justieren sie, davor und danach.

Ändert die Reihenfolge der Karten den Sinn?

Ja, und das ist der Punkt, den am Anfang alle verfehlen. In einem Paar ist die erste Karte das Substantiv und die zweite die nähere Bestimmung. Der Fuchs gefolgt vom Brief beschreibt ein täuschendes Schreiben, der Brief gefolgt vom Fuchs beschreibt eine Nachricht, die die Arbeit betrifft. Das sind nicht zwei Schattierungen derselben Sache, das sind zwei verschiedene Sätze.

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